
Mit der westlichen Vorherrschaft über weite Teile des Planeten hat sich die Vorstellung etabliert, dass der Fortschritt der Menschheit in enger Verbindung mit deren technologischen Entwicklungen steht. Insbesondere die vergangenen fünfzig Jahre haben sichtbar gemacht, dass sich durch die Verwendung technischer Mittel das Handlungsfeld des Menschen und damit auch dessen Geist und Körper beständig ausgeweitet und verändert haben. Die technologischen Entwicklungen dienen oftmals der Beschleunigung von Kommunikation, der Ausbreitung im Raum, der Erleichterung und Verlängerung des Lebens, der Vernetzung des Planeten und der Schaffung neuer Handlungsfelder. Gegenwärtige Bestrebungen wie die Etablierung eines Metaversums als virtuelle Erweiterung physischer Realität, die Spekulationen mit “Grundstücken" im Datenraum sowie der steigende Wert von Kunstwerken in Form von NTFs sind die aktuellsten Ausformungen davon.
Bereits im frühen 20. Jahrhundert tauchen in der Theologie und der Philosophie Beschreibungen auf, die auf Grund der Fokussierung auf das Verhältnis von Mensch und Technik davon ausgehen, dass die Evolution den Menschen in einen Zustand überführen wird, in dem der Geist sich vom Körper loslöst und in eine globale Sphäre der Technik aufgeht. Während der Jesuitenpater Teilhard de Chardin in diesem Zusammenhang noch von einer mystischen Transzendenz spricht, die auf den Punkt Omega zusteuert, tauchen ab den späten 1950er Jahren Vorstellungen einer technologischen Singularität auf. Insbesondere der Futurist Ray Kurzweil und der Mathematiker Vernor Vinge stellen in diesem Zusammenhang Überlegungen an, die einen grundlegenden Bruch mit der Geschichte der Menschheit und des Menschseins postulieren und in ein Stadium der posthumanen Existenz führen. Die Erwägungen reichen dabei von sogenannten Seed AIs, d.h. künstlichen Intelligenzen, die in der Lage sind sich selbst zu verbessern und somit in eine von ihnen eingeleitete Evolution eintreten, welche die Menschheit gänzlich hinter sich lässt, bis hin zu Vorstellungen von einem Mind Uploading, d.h. einer Übertragung des menschlichen Bewusstseins in eine wie auch immer geartete Virtualität. Das Einscannen des Gehirns, welches Schicht für Schicht eingelesen wird um es in ein anderes Medium zu übertragen, wirft dabei Fragen danach auf, inwiefern ein derartig hochgeladenes Bewusstsein, ein Geist, der von seinem Körper getrennt wurde, noch menschlich genannt werden kann. Ähnliche Fragen beschäftigen die Philosophie und die Medienwissenschaft in Bezug auf die Kunst und das Bild seit Anbeginn des Aufkommens technischer Apparaturen, welche die Wirklichkeit abbilden und von denen Kopien erstellt werden können – hiervon zeugt unter anderem die bekannte Frage Walter Benjamins nach der Aura des Kunstwerkes im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.
Auch in Bezug auf die hier gezeigten, eingescannten und hochgeladenen Polaroids, die Pixel für Pixel eingelesen und von ihrem analogen Körper getrennt wurden, um sie in den digitalen Raum übertragen zu können, machen sich Fragen auf, die in eine ähnliche Richtung deuten: Handelt es sich noch um das gleiche Bild? Welches Verhältnis besteht zwischen dem analogen, physischen Bild und dem eingescannten, digitalen Bild? Sind es Zwillinge oder handelt es sich um ein Original und eine Kopie? Und welche Schlüsse könnte man daraus für den in seinen Technologien aufgegangenen Menschen ziehen?
Bei all den Überlegungen, die den Menschen in einer technologisch eingeleiteten Posthumanität denken und davon ausgehen, dass die Menschheit in Zukunft in eine transzendentale Existenz im unendlichen Raum der allumfassenden Verbindungen von Kommunikations-, Computer- und Satellitennetzwerken aufgeht, ist die Frage nach dem Planeten eine sekundäre. Die Vorstellung, dass der nächste Schritt der Evolution mit sich bringt, dass die Menschheit in der Singularität aufgeht, scheint dem Artensterben und der Erschöpfung eines ausgebeuteten Planeten technologische Antworten entgegenzusetzen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass hierbei die gleichen Vorstellungen und Ideologien beansprucht werden, die überhaupt erst zu der Misere geführt haben, in der sich Mensch, Land und Tier nun befinden. Die Frage, die sich stellt ist daher: Kann der Planet durch eine technologische Singularität neu belebt werden und gesunden oder wird er seiner Ressourcen beraubt wie eine von Parasiten heimgesuchte leere Wüste zurückbleiben? Die Bilder in der folgenden Galerie suchen auf ihre Weise nach einem ästhetischen Ausdruck für diese Fragen.